was nüscht kost das taugt nichts?
4. April 2012 Hinterlasse einen Kommentar
Hab ich das richtig verstanden? Wir diskutieren im Jahr 2012 wirklich die Relevanz von Kultur? Hatten wir das nicht schon Ende 2009 im Rahmen der deutschen Wikipedia? Da hat man schön gesehen was passiert, wenn sich Streithähne die Köppe einschlagen und man nicht zu einer „Lösung“ des Problems kommt – nichts. Da gab es vielleicht eine Chance Diskussionsgrundlagen für die aktuellen Debatten rund um das Urheberrecht und potenzielle neue Geschäftsmodelle zu legen. Das hätte nicht unbedingt den Ausraster Sven Regeners oder den offenen Brief der Tatort-Autoren „verhindert“. Aber man währe besser drauf vorbereitet.
Nun gut – es ist eben so wie es ist.
Wir führen also erneut einen „Diskurs“ auf den Stand von ca. 1995 – 2000. Das alleine stört mich nicht. Mich stört viel mehr der Krawall auf allen Seiten, wenn es so etwas überhaupt noch gibt wie „Fronten“. Denn auch das mag ich nicht mehr so richtig glauben. Mich hat der Besuch der Leipziger Buchmesse dieses Jahr nachhaltig beeindruckt. Auch eine Sendung wie Breitband über Journalismus in der heutigen Zeit sind guter Gesprächsstoff. Der Industrie vorzuwerfen sie würden aber ihre durchaus guten Gedanken nicht zu sehr in den Vordergrund zu rücken währe genauso unfair wie der Netzgemeinte ständig ihre Polemik um die Ohren zu klatschen.
Was passiert hier eigentlich gerade?
Auf dem Niveau eines Gurus kann man gerne weiter drauf herum reiten, dass wir eine komplett neue Kulturtechnologie haben, welche die Paradigmen des 19 / 20 Jh zerklopft. Nur was bedeutet das konkret? Erst einmal die viel zitierte Entkopplung von Kulturinhalten ihres Trägermediums. Die Verknappung im Buchladen, der Bibliothek, des eigenen Bücherregals und der damit verbundenen Logistik entfällt. Das bedeutet natürlich neue Chancen auf Teilhabe und darf man gerne als Gewinn der Demokratie hoch halten. Aber da muss man auch etwas Wasser in den Wein gießen. Die neue Verknappung ist Aufmerksamkeit. Denn natürlich steigt erst einmal das Rauschen dadurch an. Die neue Herausforderung ist da raus zu kommen um kommerziell arbeiten zu können. Das wird aktuell eher nach dem Prinzip „wer am lautesten schreit“ gemacht. Vielleicht ist das nur ein Affekt, der sich da zeigt und legt sich irgendwann wieder.
Kampfrhetorik überall
Auch ich bin dabei umzudenken. Begriffe wie „Contentmafia“ sind Mumpitz genauso wie „Schleckerfrauen“ you name it. Denn Ich liebe Pop auf der ganzen Bandbreite. Von Kleinkunst bis zum so genanten Mainstream. Der sympathische, vertraute Blog / Podcast bietet mir oft eine kuschelige, familiäre Atmosphäre welche ich seit über 10 Jahren in „Wetten Dass…?!“ vermisse. Diese Sendung hatte zu letzt in den 80ern noch das Alleinstellungsmerkmal als Familienunterhaltung zu gelten. Diesen Anspruch hat heute jedes Onlinerollenspiel. Wir müssen weg, weg von den diffamierenden, verknappten Worten wie „Pay Wall“ ect pp. Sonnst versperren wir uns gleich jeglichen Diskurses rund um Geschäftsmodelle. Wir reagieren damit genauso unbeholfen mit dem neuen Anspruch der Aufmerksamkeitsökonomie und werden genauso wie bei Wikipedia zu keinerlei Lösungsansatz kommen.
Es ist ein Prozess im Gange – egal ob wir es wollen oder nicht.
Egal wie viel Kopierschutz, egal wie viel Abmahnschreiben man verfasst man wird diesen Prozess nicht aufhalten können. Man kann gerne weiterhin die Überbringer der schlechten Botschaft als Prügelknabe verwenden, es wird nichts ändern. Digitale Medien plattformneutral und barrierefrei anzubieten ist ein Ideal, welches man vielleicht nie komplett erreichen wird aber immer angestrebt werden muss. Das ist es was „wir“ unter freien Medien verstehen. Auf dieser Basis kann man sehr wohl Geschäftsmodelle arrangieren und sie werden aktuell erprobt und auch vom Nutzer akzeptiert. Man muss auch weg vom Gedanken, dass es nur einen bestimmten Weg geben wird. Ja wir sind mitten drin in einer Ökonomie der Mischkalkulation bzw. wahren es auch irgendwie schon immer. Wenn es einfacher ist Geld für eine Dienstleistung auszugeben als sich den Inhalt aus einer Tauschbörse zu laden, so werden viele Menschen den Weg des geringeren Wiederstands gehen und freiwillig bezahlen.
und wo passt nun das BGE da rein?
Immer wieder wird vereinfacht das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) mit in die Debatte reingeworfen. Da hab ich Angst und Bange, dass man eher der Idee hinter einem BGE mehr schadet als nutzt und dort wieder den durchaus gelungenen Diskurs mit dem Arsch einreist. Alle bisherigen Ideen von Kulturflatrate bis hin zu den bestehenden Verteilsystemen z.b. GEMA haben eins gemeinsam „the Winner takes it all“ Genauso wie die bereits hochgelobten Crowdfunding-modelle wie „flattr“ oder „Kickstarter“ – überall muss man in Vorleistung gehen. Das betrifft einen auch besonders, wenn man sich dafür entscheidet den Weg über einen professionellen Verwerter zu gehen. Natürlich muss ich mit meinem Manuskript beim Verlag, mit meiner Musik bei der Plattenfirma mit einem gewissen Grundtalent antreten aus dem man dann mit entsprechender Unterstützung was draus machen kann. Dort setzt das BGE an. Wie viel Insellösungen wollen wir noch machen? Aktuell geht es um Umverteilung und wir verstricken uns in Relevanzdebatten, welche die rund um die deutsche Wikipedia als schlechten Witz da stehen lässt. Das BGE löst nicht all unsere Fragen / Probleme. Eben genau der Aberglaube den man auch immer wieder wett machen muss. Aber es ist eine Grundlage – ein Schritt Richtung Fairness und Teilhabe unabhängig von der Aufmerksamkeitsökonomie. Es gibt denen eine Chance, die noch aus dem Rauschen heraus wollen und das vielleicht nicht nur auf Krawall gebürstet. Es ist z.b. für die Studenten, welche gerade dabei sind ihre Bewerbungsmappe zurecht zu stricken und dafür Geduld und Muse brauchen. Die Arbeit / Vorleistung als solches muss man trotzdem bringen um am Ende mehr aus einem Talent zu machen. Allerdings ist es eine Arbeit, die immer unter dem Radar bleibt und nicht von all den bisher diskutierten Geschäftsmodellen abgedeckt wird.
Links:
Breitband: “Journalismus zwischen Wert und Ware”
cbcRadio: “Should writers give up on getting paid for their writing?”
wienerpost via YouTube: “Amanda Palmer Jan 2010″





